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Die Stille im All und ihr Klang auf der Welt
Ein künstlerisch-wissenschaftliches Forschungsprojekt

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Als der künstliche Erdtrabant "Sputnik" am 4. Oktober 1957 seine Umlaufbahn erreichte, vernahm die Menschheit zum ersten Mal in ihrer Geschichte Klänge aus dem All. Der Satellit machte jedoch keine Klangaufnahmen vor Ort, vielmehr sendete er einen Ton aus, der ihm noch auf der Erde einprogrammiert wurde: Ein monotones Piepsen, das bereits drei Wochen nach dem Start kaum noch hörbar war, da die Batterien erschöpft waren.

Das Piepsen des Satelliten erinnert daran, dass man im Weltall letztlich nur sich selbst hören kann, dass jene Klänge, die im Allgemeinen mit dem Weltraum in Verbindung gebracht werden, von der Erde stammen. Schließlich herrscht im Weltall ein extremes Vakuum, und da Schall an ein Trägermedium geknüpft ist, kann dort auch kein Klang oder Geräusch weitergegeben werden, der für Menschen hörbar ist. Damit ist das Weltall der einzige Raum auf der kollektiven Landkarte des Menschen, der lediglich visuelle, aber keine klanglichen Informationen bereitstellt. Und es ist nicht möglich – so die Vermutung – sich einen Raum oder Ort vorzustellen, der keinen Eigenklang, keinen festgelegten klanglichen Möglichkeitshorizont besitzt.

Das überirdische Vakuum drängt dazu, auf vielfältige Art mit Klängen bespielt zu werden; es ist damit ein Klangraum kollektiver Fantasien, Wünsche und Phantasmen. Wie kein zweiter kultureller Topos ermöglicht dieses Vakuum, die kollektiven Klangphantasmen und -projektionen zu analysieren und zugänglich zu machen. Aus welchem Grund kam es zu diesen klanglichen Projektionen und wie hat sich der projizierte Klang des Weltraums im Laufe der Kulturgeschichte verändert? Wie lassen sich die Prozesse beschreiben, in denen diese akustischen Projektionen und Phantasmen generiert wurden und werden? In „Die Stille im Weltraum und ihr Klang auf der Welt“ werden diese Fragen in der Theorie – historisch und strukturell – wie auch künstlerisch in Form von Lecture Performances und Kompositionen erforscht.

"Die Stille im All und ihr Klang auf der Welt" ist ein künstlerisch-wissenschaftliches Dissertationsprojekt an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und wird von der Künstlerin und Musikerin Michaela Melián sowie der Philosophin Michaela Ott betreut.

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Die Stille im All und ihr Klang auf der Welt I
Lecture (Sound-)Performance von Norbert Lang

"Was nutzt die Zählung beim Start einer Rakete?" fragt der Nutzer Hash am 16. August 2013 um 15:12 Uhr auf space.stackexchange.com/questions. Zwei Tage später antwortet ernestopheles: Die besondere Ordnung – darum gehe es: Der Start einer Rakete sei vergleichbar mit der Choreographie eines komplexen Tanzes mit einer großen Zahl an Beteiligten; und wahrscheinlich könne man, so ernestopheles weiter, eine Rakete ebenso gut auch zu einem Musikstück starten.

Wirklich still ist es nur im Weltall. Mit wenigen Ausnahmen besteht es aus luftleerem Raum, aus einem extremenVakuum, in dem hörbare Schallwellen nicht übertragen und weitergeleitet werden können. Dennoch ist dieser ferne Ort mit zahllosen irdischen Klangvorstellungen, mit Kompositionen und Geräuschwelten, ja sogar eigenen Genres verbunden: In frühen Science- Fiction-Filmen wird der intergalaktische Raum nicht selten mit futuristischen, ungekannten Sounds neuer elektronischer Instrumente vertont, die von einer verheißungsvollen Zukunft künden oder auch mit der Angst vor der Fremde spielen. Die Pythagoreer etwa nahmen an, die einzelnen Planeten würden bei ihren Bewegungen im All eine himmlische Sphärenmusik erzeugen. Die Musik des Alls sei demnach, wie alles in der denk- und wahrnehmbaren Welt, nach bestimmten Zahlenverhältnissen geordnet und aus diesem Grund harmonisch. Das All ist seit jeher angefüllt mit akustischen Projektionen, Imaginationen und Phantasmen. Die Klänge des Alls scheinen weniger über den Weltraum selbst zu berichten, als vielmehr über die irdischen gesellschaftlichen, wissenschaftshistorischen und ästhetischen Strukturen ihrer Zeit.

Als Juri Gagarin am Morgen des 12. April 1961 in das Raumschiff Wostok steigt, um als erster Mensch ins All zu fliegen, folgt, anders als etwa bei der NASA üblich, kein Countdown. 20 Minuten vor dem Start bittet Gagarin die Bodenstation darum, ihm – wohl zur Beruhigung – etwas Musik über die Kopfhörer seines Raumanzugs einzuspielen. 20 Minuten nach dem Start befindet sich Gagarin bereits in der Schwerelosigkeit. Alles sei in Ordnung, er fühle sich gut und setze den Flug fort, habe Gagarin zur Erde gefunkt und einige Zeit später wiederholt: Alles sei in Ordnung, er setze den Flug fort. Irgendwann beginnt Gagarin zu singen.

Die Lecture (Sound-)Performance ist Teil des gleichnamigen künstlerisch-wissenschaftlichen Promotionsvorhabens „Die Stille im All und ihr Klang auf der Welt“ an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, betreut von Michaela Melián und Michaela Ott.

AUFFÜHRUNGEN:

Montag, 4. August 2014 ab 20:00 Uhr, im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Rroomonday", Lothringer 13 / Lothringer Strasse 13, München
Lothringer 13

Samstag, 7. Dezember 2013 von 11:45-12:15 Uhr, im Rahmen des Symposiums "laborartorium", LMU München (Geschwister-Scholl Platz 1, Raum B 206)
Sonntag, 26.4.15 auf Einladung des Neuen Saarbrücker Kunstvereins im Schwarzenbergturm, Saarbrücken



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EINDRÜCKE DER PERFORMANCE AM 26.4.15 AUF DEM SCHWARZENBERGTURM, SAARBRÜCKEN // AUF EINLADUNG DES NEUEN SAARBRÜCKER KUNSTVEREINS:
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